Aspromonte (1): Amendolea

Original: http://lamiacucina.blog/2022/04/23/aspromonte-1/
Datum: 2022-04-23T05:45:00+02:00
Geändert: 2022-04-26T13:56:59+02:00
Kategorien: Besuch in..
Schlagworte: Keine

Blumenwandern im Aspromonte. Eine organisierte Gruppenreise für 14 Botanikfreunde. Eigentlich nichts für mich, doch Frau H. schwärmte so vom südkalabresischen Nationalpark, dass ich mich anstecken liess. Wir wandern, die botanisch allwissende Reiseleiterin erklärt und übersetzt, die kalabresischen Ragazzi des lokalen Trekkingunternehmens organisieren: Wanderrouten, Unterkunft, Gepäck, Abendessen, Picknick, Birra, Vino, Caffè, Alles. Im angenehm modernisierten Schlafwagen werden wir nach Kalabrien gerollt. Kaffee inbegriffen. Ab Milano Centrale.

Ankunft in Villa San Giovanni am späten Morgen. Gegenüber werden wir von Messina und dem Aetna begrüsst. Transfer in das grekanische Bergdorf Pentedattilo (Pente Daktylos = fünf Finger) am Fusse des Nationalparks Aspromonte. Fünf hohe, weithin sichtbare Felstürme überragen das Dorf. Wie andere, strategisch gut gelegene Dörfer im Aspromonte, ist es eine griechische Gründung, die aus dem 7. Jhdt. vor Chr. datiert.

Die griechischen Ansiedler, auch spätere Zuzüger aus dem mittelalterlich-byzantinischen Raum, haben ihre Sprache über mehr als zwei Jahrtausende als Alltagssprache beibehalten und fast ausschliesslich oral weitergegeben. Das waren ja auch meist Hirten. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich daraus, vermischt mit Italienisch, ein eigenständiger Dialekt, das Grekanisch, herausgebildet, der von wenigen Einheimischen immer noch gesprochen wird. Wer der Altgriechischen Sprache mächtig ist, wird wohl einige Sprachfetzen verstehen können. Mit der Zeit wurden die Griechisch-Kalabrier zu einem vergessenen Volk in Italien und Europa. Den Bemühungen des deutschen Philologen Gerhard Rohlfs (1892-1986) um Erhalt und Verschriftlichung dieser Sprache ist es zu verdanken, dass das Grekanisch noch nicht ausgestorben ist.

Unwetter und Erdbeben verursachten in vergangenen Jahrhunderten schwere Schäden. Die Einwohner emigrierten an die Küste, der Ort entleerte sich. In den vergangenen Jahren wurden einige Häuser wieder restauriert.
Wir wandern um die 5 Felstürme herum in die Blumen. Unglaublich schön und berührend.

Nach dem Rundgang um und durch Pentedattilo Transfer mit dem Kleinbus in die Unterkunft, die Azienda agrituristica von Ugo Sergi in Amendolea. Umgeben von eigenen Plantagen mit Zitronen, Mandarinen, Orangen und vor allem (abgeernteten) Bergamotten.

Bezaubernder Blick auf Meer und die Fiumara Amendolea. Fiumare bilden tief in die Gebirge eingeschnittene Täler mit einer breiten Schotterebene. Fiumare werden nicht von Quellen gespeist, sondern leiten Regen ab. In der niederschlagsarmen Zeit sind sie meist ausgetrocknet, können sich aber bei starkem Regen in reißende Gewässer verwandeln.

Nach einem Picknick und als Einstimmung klettern wir gefühlte 400 Meter hoch auf die Ruinen von Alt-Amendolea, auch das eine griechische Gründung. Die Tafeln sind hier oft 3-sprachig angeschrieben: Oben Grekanisch. Mitte Italienisch. Unten Neugriechisch.

In der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts war die Apenninenhalbinsel politisch zersplittert. Nach der Einwanderung der Langobarden blieben Apulien, Kalabrien und Sizilien zunächst noch unter byzantinischer Herrschaft, doch konnten die Byzantiner die Einwohner nicht vor den ab dem 9. Jhdt. zunehmenden, arabischen Einfällen schützen. Da weder die römisch-deutschen Kaiser noch die oströmischen Herrscher wirksamen Schutz vor Einfällen der “Sarazenen” boten, griffen die lokalen Machthaber zur Selbsthilfe. Sie nahmen normannische Söldner in ihre Dienste (Pilger, nicht erbberechtigte Söhne, Glücksritter und sonstige Abenteurer). Die Söldner aus dem Norden nutzten das Machtvakuum aus und begannen sich dauerhaft zu etablieren, begannen eigene Herrschaftsbereiche aufzubauen.

Der Ursprung der Burg Amendolea liegt in der normannischen Zeit; die Gründung wird Richard von Amendolea, einem Normannen, zugeschrieben. Die Burg wurde im 13. Jahrhundert auf Anordnung von Friedrich II. (der Staufer) zerstört. In den folgenden Jahrhunderten wurde sie wieder aufgebaut, war Zankapfel zwischen lokalen Adelsfamilien (u.a. Amendolea und Ruffo). Nach dem Ende der Feudalzeit 1806 verfiel die Burg.

Gemeinsames Abendessen mit den Ragazzi in der Azienda: Salat, Gemüsefrittata, Catalognagemüse, Parmigiana di Melanzane, Peperonata. Wasser (volles Glas) und roter Gaglioppo (leeres Glas).

wird fortgesetzt.