CH-3074 Muri/BE: Beton und Schlösser

Original: http://lamiacucina.blog/2014/03/02/ch-3074-muri-beton-und-schlosser/
Datum: 2014-03-02T06:00:05+01:00
Geändert: 2014-03-04T06:24:53+01:00
Kategorien: Besuch in..
Schlagworte: Keine
CH-5630 Muri 2014 01 07_2803

Friedhofsmauer in Muri

Ausreisen beginnen bei uns mit einem guten Mittagessen. Leere Mägen und Kultur vertragen wir schlecht. Einmal mehr lag der Startpunkt in unserem derzeitigen Lieblings-Bistrot in Bern.

CH-5630 Muri 2014 01 28_3042

Brasserie Bärengraben. Im Spiegel: u.a. Pieds de Cochons, Bouillabaisse und Foie gras mi-cuit

Wenn dann noch das billigste Glas Rotwein (vom Offenen) ordentlich gut schmeckt, wie der Duche d’Uzes Rouge IGP La Garrigue d’Aureillac, umso besser.

CH-5630 Muri 2014 01 07_2795

Untertorbrücke, Bern

Ein erster Halt im Murifeld galt dem Landsitz Wittigkofen. Ursprünglich wurde das Bauerngut von den Zähringern als Lehen an ihre Ministerialen vergeben. Namensgeber und erster urkundlich erwähnter Lehnsherr war Mitte des 13. Jahrhunderts Heinricus de Wittenchoven. Unter den Besitzern taucht immer wieder das Kloster Interlaken auf, das sich mit einem günstigen Verkaufspreis ein Rückfallsrecht im Erbfall sicherte. Mittelalterliches Leasing. Nach der Reformation wurden die Klöster aufgehoben und deren Besitz verstaatlicht. Bern sicherte sich dadurch die einträglichen Getreidezehnten der Kirchengüter.

CH-5630 Muri 2014 01 28_3046

Schloss Wittigkofen

Wittigkofen wurde wiederum verkauft und durchlief mehrere Besitzerwechsel, die ihre baulichen Spuren zu einem verwinkelt an- und umgebauten Schloss hinterliessen. Trotzdem hat sich das Gut seinen spätgotischen Charakter bewahrt.

CH-5630 Muri 2014 01 28_3043

Schloss Wittigkofen, Turmseite

Früher stand das Schloss inmitten eines landwirtschaftlichen Gutes. 1973 klotzte die Stadt eine Betonwüste mit mehreren Hochhäusern in das Feld, das heute gegen 3000 Einwohnern in 1250 Wohnungen ein Dach über dem Kopf,  fliessend kaltes und heisses Wasser, Zentralheizung  sowie Fernsehanschluss bietet.

CH-5630 Muri 2014 01 28_3045

Betonburgen mit Schloss

Weiter zum Mettlengut in Muri. Eine noble Villa, deren heutiges Erscheinungsbild vor allem auf Graf Karl Friedrich von Pourtalès zurück geht. Heute gehört das Haus der Gemeine Muri, die darin eine Musikschule betreibt. Ein Glücksfall. Solche Häuser sind in Bern sonst von den diplomatischen Vertretungen zentralafrikanischer Kleinstaaten als repräsentative Botschaftsresidenzen heiss begehrt.

CH-5630 Muri 2014 01 07_2797

Mettlengut

An der Thunstrasse liegt das Schloss Muri.

CH-5630 Muri 2014 01 07_2800

Schloss Muri. Zutritt verboten, wie meist in Privatschlössern.

Johann Rudolf von Diesbach, Oberst in Frankreich und später Landvogt von Lenzburg, erwarb 1650 /1652 das bestehende, alte Schloss mit Treppenturm und liess es umbauen.

CH-5630 Muri 2014 01 07_2798

1695 wurde das Schloss von Albrecht von Mülinen erworben, bis 1758 blieb es in dessen Familie. Die kam in Geldnöte und musste es an einen reichen Metzger und Dorfkönig verkaufen. Dieser baute das Schloss um, was letztlich selbst die finanziellen Möglichkeiten eines Metzgers überstieg. Deshalb wurde es 1825 wieder verkauft. Nach einem weiteren Handwechsel gelangte das Schloss wieder in die Hand von Patriziern.

CH-5630 Muri 2014 01 07_2801

Die Kirche Muri, rechtsseitig der Aare gelegen, gehörte bis zur Reformation zum Dekanat Münsingen. Dieses war dem zum Erzbistum Mainz gehörenden Bistum Konstanz unterstellt. Archäologische Untersuchungen weisen auf einen früheren Bau aus dem 6./7. Jahrhundert hin. Darauf weist auch der Kirchenpatron hin, der heilige Martin, ein zu Zeiten der merowingischen Frankenkönige beliebter Kirchenheiliger.

1881 wurde der durch ein Erdbeben beschädigte, alte Kirchturm abgetragen.  Graf Friedrich von Pourtalès stiftete einen neuen Turm im neugotischen Stil, damals als “Zierde der Landschaft” gerühmt. Bald einmal wurde er als hässlich empfunden und anlässlich von Renovationsarbeiten 1967 teilweise abgetragen und mit einem neuen Oberbau versehen. Nun ist der Turm neu, im typischen Architekturmief der siebziger Jahre erstellt. Unsere Welt würde anders aussehen, wenn man das Bauen den alten Baumeistern und nicht den Architekten überlassen hätte.

CH-5630 Muri 2014 01 07_2802

Kirche Muri, mit abgeschnittenem Turm

Und da wir schon in Muri waren, folgte noch ein ein kleiner Abstecher zur Elfenau. Auf dem zur Aare abfallenden Gelände “zu Brunnadern” befand sich im 13. Jahrhundert ein Frauenkloster, das aber infolge von Kriegswirren bald wieder aufgegeben wurde.

CH-5630 Muri 2014 02 17_3332

Campagne Elfenau

Das heutige Herrschaftshaus, eine typische Berner Campagne, wurde um 1780 erbaut. Der damalige Besitzer verkaufte es 1814 an die russische Grossfürstin Anna Feodorowna (1781-1860), eine gebürtige Prinzessin von Sachsen-Saalfeld-Coburg. Diese erfreute sich im Berner Exil mit wechselnden Liebschaften ihrer wieder gewonnenen ehelichen Freiheit. Die Anwesenheit der hohen Dame schmeichelte den biedern Berner Staatsmännern gewaltig. Fürsten, Staatsmänner und Musiker gingen hier ein und aus.  “Ihro Kayserliche Hoheit” gaben dem Gut den Namen Elfenau und 2 unehelichen Kindern das Leben. 1918 erwarb die Stadt Bern das Gut.

CH-5630 Muri 2014 02 17_3335

Elfenau: Brunnsäule mit angefaultem Apfel

Quellen:
Wolf Maync, Bernische Wohnschlösser, Verbandsdruckerei Bern, 1979
Gemeinde Muri, Porträt