Pizza (2): Der Teig

Original: http://lamiacucina.blog/2007/05/14/pizza-2-der-teig/
Datum: 2007-05-14T04:00:25+01:00
Geändert: 2010-02-21T20:13:19+01:00
Kategorien: Geheimnisse der Kochkunst, Pizza
Schlagworte: Keine

rundgewirkte PizzateigkugelnZweiter Teil meiner Pizza-Trilogie. Im heutigen Beitrag wirds technisch. Herstellung Profiteig bis und mit Aufarbeitung der Teigfladen. Erster Teil siehe Pizza (1): Mein Ideal. Die meisten der folgenden Informationen habe ich aus meinen Notizen und Unterlagen aus dem Kurs “Pizza Traditionale” in der Bäckerfachschule Richemont (siehe: Eidg. dipl. Pizzaiolo) zusammengefasst. Ich hoffe, dass mir dabei keine Fehler unterlaufen sind, ich bin noch lange kein Backexperte. Wie schnell glaubt doch ein Laie, alles begriffen zu haben. 

Das Pizzamehl
Nach Erhebungen der Fachschule Richemont gehen die Vorstellungen darüber, wie ein Pizzamehl beschaffen sein sollte, weit auseinander. Eine Untersuchung des Mehllabors an einer Reihe von Pizzamehlen mehrheitlich schweizerischer Provenienz ergab jedenfalls ein buntes Durcheinander unterschiedlichster Typen und Zusätze. Trotzdem liessen sich vorwiegend Weichweizenmehle der Mehltypen 400 bis 550 feststellen. Im Pizzakurs haben teilnehmende Profis ausgesagt, dass Haushaltmehle der Grossverteiler für professionelles Backen untauglich sind. u.a. wegen des Streckens mit billigen Stärkemehlen. In der Schweiz ist es schon verdächtig auffällig, wie wenig Informationen der Verbraucher zu seinen Mehlen bekommt. Mehl ist für den Konsumenten eine Blackbox. Da gilt einfach: Mehl ist Mehl ist Mehl.

Für Pizzas entscheidend sei die Glutenqualität des verwendeten Mehls. Werden die Teige, wie in der Profi-Praxis üblich, 24 bis 72h bei 2-5°C gelagert, so werde der Kleber durch die lange Stückgare stark beansprucht. Da der Teig durch die natürliche Säurebildung beim Lagern immer zäher wird, so bereitet das Ausziehen von Hand Probleme. Abhilfe: backstärkeres Mehl verwenden. Zur Erhöhung der Knusprigkeit kann bis zu 10% Hartweizendunst oder 20% Weichweizendunst zugesetzt werden. Produkte die man hier beim Grossverteiler nicht findet und direkt in Mühlen nachfragen muss. Dunst ist etwas gröber gemahlen als Mehl. in De = doppelgriffiges Mehl = Wiener Griessler. Nicht zu verwechseln mit dem gröberen Griess.

Das Salz
Üblich ist die Zugabe von Meersalz, das aber erst am Ende der Mischzeit zugegeben wird. Salz fördert u.a. die Elastizität der Teige, wirkt festigend auf das Gluten und erhöht das Gashaltevermögen. Im italienischen Teigrezept wird weniger Salz verwendet: D. Sangrigioli begründete dies damit, dass der Belag genügend Salz mitbringe.

Die Hefe
Üblich sei Frischhefe, welche mit warmen Händen direkt in den Teig zerbröselt wird, um die Hefe etwas zu aktivieren. Für mich erstaunlich die geringe Menge an Hefe, die dem Teig zugesetzt wird. Bei der langen Stückgare in diesen Rezepten ist das jedoch verständlich. Weniger Hefe wirkt sich jedenfalls Aromafördernd aus.

Wie sich Trockenhefe verhält (comment: Bolli), weiss ich nicht, da habe ich keine Erfahrung. 7 g Trockenhefe von Migros (Levure instantanée) entsprechen etwa 25 g Frischhefe. Das Pulver wird gleich dem Mehl beigemischt. Da in den folgenden Pizzateigrezepten eine kalte Teig-führung gemacht wird, bin ich mir aber nicht sicher, ob die Trockenhefe überhaupt noch aufwacht. Deshalb würde ich die Stockgare bei Raumtemperatur etwas verlängern. Backexpertin Cascabel von Chili und Ciabatta weiss da gewiss Rat.

Das Fett
Fett gibt Geschmack und macht den Teig etwas mürber (und verlangsamt das Altbackenwerden, eine Gefahr, die bei Pizzas wohl kaum besteht). Für Pizzas wird heute eher Olivenöl als tierisches Fett verwendet. Je mehr Öl verwendet wird, desto mehr Hefe muss zugesetzt werden.

Teigrezept Richemont
1000 g Pizzamehl
600 g Wasser, je nach Wasseraufnahmefähigkeit des Mehls
10 g Backhefe
30 g Olivenöl
25 g Meersalz

Teigrezept Danilo Sangrigoli
1000 g Pizzamehl
550 g Wasser, je nach Wasseraufnahmefähigkeit des Mehls und Gefühl
5 g Backhefe
17 ml Olivenöl
10 g Meersalz

Zubereitung Richemont/Sangrigoli
Mehl und Wasser mischen, Hefe von Hand verreiben, zugeben, weitermischen, Öl zugeben, am Ende der Mischzeit das Salz zugeben und den Teig dann schonend auskneten. Die Teigtemperatur soll 24°C nicht überschreiten. Mischzeit: 3-4 Minuten. Knetzeit: 4-5 Minuten im Spiralkneter. Die Temperatur wurde eingehalten durch den rechnerisch ermittelten, anteiligen Einsatz von Eiswasser. In der Praxis wird stattdessen auch oft auch das Mehl gekühlt.

Stockgare
Gut zugedeckt, 15-20 Minuten, dient zur Entspannung des Teiges und dem Aktivieren der Hefe.

Ausformen der Teigkugeln
200g Stücke vom Teig abschneiden. mit flacher Hand und Druck runde Kugeln wirken. Der Teig darf weder Löcher noch Risse aufweisen. Anschliessend locker in eine Haushaltfolie oder einen ausreichend grossen Plastikbeutel einschlagen, Teig geht noch auf. Sofort in den Kühlschrank stellen.

Stückgare
mindestens 24 Stunden, max. 48 Stunden bei 2-5 °C. (Kontrolle). Längere Lagerzeit bis max. 72 h gehe nur mit Mehl, das beste Glutenqualität aufweise. Dann muss aber auch die Hefemenge im Rezept reduziert werden. Ob man den Teig nach 48h einfrieren kann, weiss ich noch nicht. Ich probiers mal, hab auch schon gefrorenen gekauft.

AufarbeitenTeig aufarbeiten
Vor dem Aufarbeiten ca. 20 Minuten temperieren lassen. In Weichweizen-dunst wenden und von Hand auf ca. 30 cm ausziehen. Anfänger tun sich leichter, wenn sie die Teigkugel mit dem Rundholz zunächst soweit flachwallen, dass beide Hände auf der Teigplatte Platz finden. Danach mit beiden Händen unter Drehbewegungen im Uhrzeigersinn auseinanderziehen. Dabei dürfen die Teigmitte und der Rand nicht zusammengedrückt werden. So entsteht automatisch ein leicht gewölbter Rand ohne dass die Mitte zu dünn wird. Reisst der Teig, wird das Loch geflickt. Die fertige Teigplatte zwischen den Händen hin- und herwerfen um das Mehl abzuschütteln (Daraus ist die Pizza-Artistik hervorgegangen).

Meine Backversuche
Mir, ebenso wie andern, hat der Richemont-Teig besser geschmeckt (Salz). Ich bin von diesem Teig ausgegangen und habe folgende Variationen gemacht:
a) Weissmehl (Typ 400) in Mischung mit  20% Weichweizendunst
b) Halbweissmehl (Typ 700) in Mischung mit 20% Weichweizendunst
c) Halbweissmehl (Typ 700) in Mischung mit 10% Hartweizengriess

Alle 3 Teige sind sehr gut geraten. Versionen a) und b) haben mir am Besten gefallen. Besser als mein alter, bisheriger Pizzateig, auf den ich so stolz war und für den ich viel mehr Hefe gebraucht und warme, kurze Teigführung angewandt habe. Version c) war etwas arg knusprig (Ein Anflug von zartem Sperrholz). Für die Anwendung im Haushalt habe ich die Herstellung leicht angepasst, da ich keinen 50 kg-Kneter besitze.

Angepasstes Hausrezept (1/4 des Richemont Rezepts für 2 Pizzen)
250 g Gesiebte Mehlmischung (Weissmehl mit 20% Weichweizen-dunst) in der Kenwood-Teigschüssel vorlegen, 2.5 g Hefe in 150 ml frischem Hahnenwasser dispergieren und zum Mehl geben, 7 g Öl bei langsam laufendem Rührwerk zutropfen lassen, auf langsamer Stufe zu einem Teig mischen, 6 g Salz langsam zurieseln lassen, dann etwa 5 Minuten bei mittlerer Geschwindigkeit kneten.

Dabei habe ich einmal mehr die ernüchternde Feststellung gemacht, dass unsere teure Kenwood Chef  (Chromstahl-Edition) sehr knetfaul ist. Nach einer kurzen Knetphase bleibt der Teigklumpen regelmässig mitten im Knethaken hängen und wird danach nur noch im Huckepack exzentrisch rundherum spazierengeführt. Von Kneten keine Spur.

Kurzum, ich habe den Teig nach alter Marcella Hazan-Methode noch 5 Minuten nachgeknetet: mit der linken Hand festhalten, mit dem Faustballen nach hinten drücken, Teig nach vorne zusammen-klappen, um 90° nach rechts drehen und wieder von vorn usw.

Pizza (3): Der Belag. Demnächst.